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Idole
“Idol” bezeichnet in der oft nüchternen, in gewisser Weise dem Katalog verpflichteten Sprache der Archäologen eine Gattung anthropomorpher Figurinen aus vorgeschichtlicher Zeit- Sie sind selten mehr aus eine Handspanne hoch. Fast ausschließlich tragen sie weibliche Attribute.
Es wird vermutet, daß sie Ausformungen einer oder einer Gruppe weiblicher Gottheiten darstellen, oder gar Bildnis der “Göttin” schlechthin sind. Da es in der “grauen” Vorzeit noch keine Möglichkeit der schriftlichen Fixierung von Glaubensvorstellungen gab, ist hier der Spekulation ein weit offenes Feld geboten.
Das Rad der Entwicklung dreht sich um so langsamer, je weiter wir in die Vergangenheit zurückgehen, und man kann wohl behaupten, daß die Vorläufer dieser Idole in den fettsteißigen, die weiblichen Sexualmerkmale überbetonenden Statuetten zu finden sind, die vor etwa 30 000 Jahren in Europa in Gebrauch waren. Man nennt sie “Venusfiguren” und zu ihnen gehört auch die sog. “Venus von Unterwisternitz”, gefunden in Dolni Vestonice in Mähren. Sie beweist, da sie aus gebranntem Ton besteht, daß die ersten Keramik-Arbeiten zur Fertigung künstlerischer Plastiken diente. “Gebrauchsgüter” wie Gefäße lernte man erst 20 000 Jahre später zu Fertigen.
Auch aus der hier interessierenden Epoche der Idole, die etwa vor 5 000 Jahren begann, finden sich vereinzelt noch stark steatopyge Statuetten der alten Tradition. In aller Regel sind die Idole jetzt jedoch sehr stark reduziert und häufig auf staunenswert “moderne” Weise abstrahiert. Sie werden dann z.B. als “Violin-Idole” oder als “Brett-Idole” typisiert, andere nennt man einfach “schematisch”. lhren weiblichen Charakter erkennt man nun an ihnen aufgesetzten Brüsten, an dem stark hervorgehobenen Schamdreieck, an einer betonten Taillierung, die von der Silhouette einer stehenden 8 bis zu den schon genannten Violin Formen führt. Ihr göttlicher Status kommt vielleicht in der Haltung ihrer Arme Ausdruck. Diese sind nämlich, wenn sie überhaupt angedeutet sind, über oder unter der Brust verschränkt. Sie haben dies gemeinsam mit ihren “Venus” Vorgängern und den ihnen selbst etwa gleichzeitigen Reliefbildern der “Großen Göttin” der atlantischen Megalithkulturen. Auch die als “Augen-Idole” angesprochenen Varianten ließen sich in diesen Formenkreis einordnen, wenn man die Augen als Brüste und die Brauen als die darübergelegten Arme interpretiert. Die bekannten Schild-Idole an den Innenwänden mancher Dolmen werden ebenfalls recht häufig als Bild der “Eulenäugigen” missinterpretiert.
In der intuitiven Vermittlung ihres Sinngehaltes erscheinen viele der Idole geradezu beispielhaft für den Erfolg künstlerischen Bemühens, das als wesentlich und als ewig gültig erkannte herauszuarbeiten. Deshalb sprechen sie uns nicht als primitive Beispiele für einen eher unreflektierten Fetischismus an. Sie drücken zweifellos Divinität aus. Unser an Picasso - Brancusi - Moore - Bill und anderen geschultes Auge erkennt diese Formen, auch wenn es sie nicht präzise zu deuten weiß. Die Deutung sei der Kaste der Kritiker überlassen.
Wir stellen fest, daß diese Formen sich offensichtlich nicht vermeiden lassen und - in manchmal vielfältiger Weise gebrochen und maskiert - wieder auftauchen. So gesehen letzthin in der Seestrassengalerie 2 000 in Radolfzell oder in Rielasingen und Haigerloch, wo die Keramikerin Ursula Kling-Rau ihre Idole und Kanopen präsentiert und der Photound Computergrafiker Peter-Michael Weber bildhafte Spiegelungen dazu zeigt.
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