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CHRISTOPH VALENTIEN (Gesamttext als pdf-Datei)
1957 in Aberdeen, Schottland geboren 1965 Übersiedlung nach Deutschland (Wuppertal, Bremen) 1978-83 Studium an der Staatl. Akademie der Bildenden Künste, Stuttgart (Prof. Peter Grau, Prof. Albrecht Ade) Abschluß mit Diplom in Graphik-Design 1983-85 Lehrauftrag an der Staatl. Akademie der Bildenden Künste Stuttgart für Gestaltung und Technik von audiovisuellen Medien (AV-Medien) 1985-86 Lehrauftrag für Photographie an der Akademie Stuttgart 1984-86 Dozent für Photographie und Druckvorlagenherstellung an dem Berufskolleg für angewandte Graphik, Stuttgart 1987-92 Berater und Referent (1990/91) der Landesgirokasse Stuttgart für Kunst und Kultur 1989 Aufenthalt in der Cité Internationale des Arts, Paris ab 1994 Lehraufträge für Photographie im Fachbereich Kunst und Visuelle Kommunikation an der FHS Pforzheim Lebt und arbeitet in Stuttgart
Einzelausstellungen: 1981 Staatsgalerie Stuttgart, Café (Musée Rodin) 1983 Stadtbücherei Frankfurt (Pro Umwelt) Deutsch-Französisches Kulturzentrum Essen (Kunst im Raum) Institut Francais de Bonn (Musée du Louvre, Musée Rodin) Institut Francais de Stuttgart (Musée du Louvre, Musée Rodin) 1984 Galerie für Fotografie, Jutta Rößner (Photographen der Galerie) Landesgirokasse Stuttgart (Die Frauen der Männer) Stadtsparkasse Köln (Die Frauen der Männer) 1986 Landesgirokasse Stuttgart (Alles beginnt im Kleinen) 1987 Galerie der Stadt Wendlingen Galerie der Landesgirokasse Stuttgart (Kunst machen) 1990 Akademie der Bildenden Künste, Stuttgart (Photographische Arbeiten) 1991 Landespavillon Stuttgart (Strafanstalt) 1992 Stadtamt Esslingen (Das Ding an sich) 1993 Rathaus Stuttgart (Photographische Arbeiten) 1994/95 Galerie Alpha -Jetzt, Stuttgart (Japanisch für Sie) 1996 Galerie Alpha -Jetzt, Stuttgart (Große Fuge, Video-Installation) 1997 Stonetec 97, Strassacker, Nürnberg (Grabstättenberühmter Personen) 2000 Galerie Insel, Stuttgart, (Im Rosengarten)
Rolf H. Krauss (mit freundlicher Genehmigung)
Witz, "Schönheit", Perfektion, und Spiel - zu den Arbeiten Christoph Valentiens
Seit Duchamp ist es ein bekanntes künstlerisches Verfahren, alltägliche Dinge aus ihrer gewohnten Umgebung herauszulösen und sie, solchermaßen isoliert, als etwas Neues, bisher so nie Gesehenes zu präsentieren. So wird ans dem Urinoir eine Fontäne, aus dem Flaschentrockner ein formal reizvolles, selbständiges Objekt. Seit dieser Zeit kann man mit Berechtigung von einer konzeptionellen Kunst sprechen, einer Kunst, die sich im wesentlichen im Kopf des Künstlers und des Betrachters abspielt. Das Kunstwerk selbst ist eine Art Durchgangsstation, ein Auslöser, ein Anreger, ein Aufreger. Es verweist weniger auf sich selbst, als auf eine Idee, die hinter ihm steht und der es seine Existenz verdankt. Beim herkömmlichen Kunstwerk verwirklicht sich die Idee gewissermaßen endgültig im fertigen Werk. Arbeiten der Konzeptkunst sind gewollt unfertig, sind Fragmente der Idee, die erst durch die Mitarbeit des Betrachters in dessen Bewußtsein vollständig entsteht.
Die Künstler der Concept Art der sechziger Jahre, die in der von Duchamp begründeten Tradition stehen, bringen diese Vorstellung auf den (Null-)Punkt. Sie lehnen die eigentliche Produktion eines Kunstwerks ab und geben nur noch Hinweise, wie es, wenn überhaupt, ausgeführt werden könnte. Unter den benutzten Hinweismedien findet sich auch die Photographie, die auf diese Weise mehr oder weniger zum ersten Mal in der Kunst Verwendung findet. Damit die jeweilige Botschaft klar und deutlich herüberkommt, wird in den Verweiswerken der Concept Art jeder ästhetische Anschein vermieden. Der Betrachter soll bei seiner Gedankenarbeit nicht durch Äußerlichkeiten abgelenkt werden. Die Photographie läßt sich diese Zwangsjacke jedoch nicht lange gefallen. Einmal von den Künstlern als Medium entdeckt, entfaltet sie ihre eigenen spezifischen Möglichkeiten. Spätestens in den achtziger Jahren macht sie der Malerei, was Farbe, Komposition, Größe und Art der Präsentation anbetrifft, Konkurrenz.
Christoph Valentien ist ein konzeptioneller Künstler und er bedient sich der Photographie. Als konzeptioneller Künstler macht er im Grunde nichts anderes, als was Duchamp (und viele andere nach ihm) schon getan haben: er isoliert Gegenstände des Alltags aus ihrem gewohnten Kontext und stellt sie so vor uns hin, daß sie neue Assoziationen auslösen. Als Künstler, der mit Photographie arbeitet, profiÂtiert er von den Erfindungen und Entdeckungen der letzten drei Jahrzehnte, die die PhotograÂphie zu einem allen anderen traditionellen künstlerischen Medien gleichberechtigten Medium gemacht haben. Was also zeichnet Künstler und Werk aus? - Es ist die ganz besondere Art und Weise, mit der konzeptionelles Vorgehen und Photographie verbunden werden. Das soll an einem Werkbeispiel verdeutlicht werden.
Anläßlich eines Besuchs des British Museum in London entdeckt Valentien im Museumshop Blechdosen, geeignet, Bleistifte und sonstige kleine Utensilien aufzubewahren. Sie haben die Form einer ägyptischen Mumie und auf ihren Deckeln finden sich farbige Reproduktionen von einigen der spektakulärsten Exponate des Museums, die in einem der unzähligen Säle des Instituts den Augen der Besucher preisgegeben sind. Die Originale, herausgerissen aus ihren Grabkammern, werden so selbst schon als ästhetisches Objekt präsentiert. Die mit Hilfe der photographischen Reproduktion gestalteten Dosen setzen diesen Prozeß fort, biegen ihn allerdings um und führen ihn zu einem Punkt, wo Faszination und Beliebigkeit im Kitsch zusammenfallen. Valentien setzt die Photographie ein weiteres Mal ein. Er photographiert die Deckel dieser Behälter und vergrößert die Aufnahmen auf die ursprüngliche Originalgrösse der Mumien. Die Vergrößerung ist aber kein Aufsichtsbild, sondern ein farbiges Dia, das vom Künstler in die äußere Form einer Mumie und in einem aufwendigen Verfahren unter Glas gebracht wird. Dieses Dia dient als "Deckel" eines metallenen, ebenfalls die Form einer Mumie aufweisenden, Gehäuses. Es wird von einer in ein Gehäuse angebrachten elektrischen Lichtquelle von hinten beleuchtet. („PHARAO")
Was ist geschehen? Zunächst ist der Vorgang der Präsentation, der in der ursprünglichen Dose schon zweimal enthalten war, mit den folgenden Reproduktionsschritten auf die Spitze getrieben, gewissermaßen pervertiert worden. Dabei sind in den aufrecht stehenden, in der Dunkelheit des Ausstellungsraums geÂheimnisvoll leuchtenden Mumienobjekten alle Bedeutungsebenen der vorangegangenen Schritte noch enthalten. Die Entrüstung über die Entweihung der Toten scheint noch durch, die heimliche Freude an der kitschigen Dose ist noch da, und dazu kommt jetzt die Provokation, die die "Rückverwandlung" der Mumie auslöst: Unbehagen, ob man so etwas machen darf, Überlegungen, ob damit ein bestimmter Zweck verfolgt werden soll und wenn ja, welcher, und so fort. Das Kunstwerk hat seine Funktion erfüllt. Das Objekt hat seine Botschaft ausgesendet, es hat uns zu eigenen Gedanken angeregt. Die Idee ist herübergekommen.
Und dennoch unterscheiden sich die Arbeiten Valentiens in einigen wichtigen Punkten von anderen konzeptionellen Hervorbringungen. Da ist zunächst der Witz hervorzuheben, damit meine ich die Abwesenheit jeder didaktischen Absicht, aber auch die Freude an den skurrilen Dingen des Alltags und die Unbefangenheit, mit der ihre Metamorphose betrieben wird. Dieser Witz ist Ausdruck einer intellektuellen Ernsthaftigkeit. Witz (nicht Witze) kann man sich nur erlauben, wenn man sich seiner sicher ist, wenn man eine feste gedankliche Position hat. Dann wäre auf die "Schönheit" hinzuweisen, die alle Werke des Künstlers auszeichnet. Ich habe den Begriff in Anführungszeichen gesetzt, weil man ihn normalerweise nicht gebrauchen darf. Vor gar nicht allzu langer Zeit noch war die Bemerkung, eine Kunstwerk sei "schön", eine Art Todesurteil. Valentien scheut sich nicht davor, seine Objekte so ästhetisch ansprechend wie nur irgend möglich zu gestalten. Die Photographie ist dabei ein besonders geeignetes Medium. Diese Strategie ist ganz offensichtlich Teil seines Konzepts. Der Beschauer soll dadurch angelockt werden, sich mit dem Werk zu befassen. Die glatte Oberfläche ist dabei eine Falle. Die Idee versteckt sich hinter dem schönen Schein (die von ihr ausgehende Beunruhigung ist untergründig aber immer vorhanden).
Eng mit diesem Befund verbunden ist die Perfektion, die in Ausführung und Präsentation zum Ausdruck kommt. Valentiens Objekte sind mit großer handwerklicher Sorgfalt hergestellt. Das betrifft sowohl ihre Planung, als auch ihre Ausführung. Ihre besondere Präsentation ist Teil des Konzepts. Überlegungen, wie die Photographien gerahmt werden, welche Größe die Objekte haben, welche Materialen (wie z.B. Plexiglas) zur jeweils angemessenen Darstellung verwendet werden, welchen Abstand die einzelnen Teile eines Ensembles von der Wand haben sollen usw., wird größte Aufmerksamkeit ,Geschenkt. Witz, "Schönheit" und Perfektion sind in unterschiedlicher Gewichtung in allen Arbeiten Valentiens zu finden. Jedes neue Werk fordert den Betrachter auf, sich auf ein weiteres Abenteuer einzulassen. Es ist eine Art intellektuelles Spiel, das der Künstler mit uns betreibt, ein Spiel, das uns anregen soll, eine Strecke lang mit- und nachzudenken. Im Vordergrund steht dabei nicht die Lösung einer bestimmten Aufgabe, sondern die Aufforderung, einen möglichen Lösungsgang ausfindig zu machen.
Betrachten wir unter diesen Aspekten die Serie "Japanisch für Sie, Lektion 1-4". Ausgangspunkt der Arbeit ist, wie fast immer, ein Fundstück aus der Alltagswelt, in diesem Fall aus dem Spielzeugladen: ein aus Plastikmaterial gegossenes, filigranes Netzwerk von einzelnen Teilen, die, zusammengeklebt, kleine Soldaten und militärisches Ausrüstungsgerät ergeben. Die beiliegende Gebrauchsanweisung ist in japanischer Sprache verfaßt. Valentien vergrößert Text- und Plastikvorlage, letztere mit Hilfe der Photographie, auf ein Vielfaches ihres ursprünglichen Formats und bringt sie per Siebdruck auf zwei gleichgrosse Plexiglastafeln auf. Die Tafeln werden nebeneinander an der Wand montiert. Abstandhalter sorgen dafür, daß sie in gleicher Distanz vor dieser zu stehen kommen.
Dieser Vorgang wiederholt sich vier Mal. Die einzelnen Bildpaare unterscheiden sich nur insofern, als auf den Texttafeln unterschiedliche Worte oder Wortfolgen farbig verschieden hervorgehoben, und die Tafeln, die die Plastikteile zeigen, verschiedenfarbig unterlegt sind. Es entstehen ungemein reizvolle ästhetische Gebilde. Der uns unverständliche Text verwandelt sich in graphische Kürzeln, die das Bildgeviert gleichmäßig strukturieren. Die farbige Hervorhebung einiger dieser Kürzel akzentuiert das Ganze. Diese Graphismen korrespondieren ihrerseits mit der Struktur, die die photographierten Plastikteile bildet. Die gestochen scharfe Wiedergabe der Zeichen und ihre schimmernde Erscheinung vor der Ausstellungswand sind auf die sorgfältige Ausführung der Tafeln und auf ihre durchdachte Präsentation zurückzuführen. Sie befriedigen das schönheitsdurstige Auge so sehr, daß man fast versucht ist, sich abschließend abzuwenden und die Betrachtung zu beenden.
Aber wie bei den Mumienobjekten bleibt auch hier ein Rest, der einen nicht losläßt. Warum handelt es sich um japanische Schriftzeichen? Warum lautet der Titel der Arbeit "Japanisch für Sie"? Soll dies eine Art Anleitung (wie der Untertitel "Lektion 1-4" nahelegt), für die Erlernung der japanischen Sprache sein? Was stellen die kleinen abgebildeten Plastikteilchen eigentlich dar? Es sind Teile von Soldaten und Waffen. Es handelt sich um Kriegsspielzeug! Warum wird uns das aber so groß präsentiert? Und warum variiert der Künstler die Doppelanordnung vier Mal? Das kann nicht nur ästhetische Gründe haben ...
Mit diesen oder anderen Überlegungen sind wir schon mitten im gedanklichen Spiel. Die Absicht des Autors ist damit wieder einmal erreicht. Valentien konfrontiert uns bei aller Perfektion und "Schönheit" seiner Objekte mit einem intellektuellen Fragment, das uns auffordert, ja möglicherweise dazu zwingt, die Gedanken des Künstlers weiterzudenken und es damit zu vervollständigen. Dabei spielt es keine Rolle, ob wir so vorgehen, wie dieser es geplant hat, ja nicht einmal, ob wir uns überhaupt auf ein solches Spiel einlassen. Valentiens Arbeiten sind Köder, die er listig auslegt; es liegt an uns, ob wir danach schnappen oder nicht. Die Köder sind als solche schon faszinierend genug, den ganzen Reichtum ihrer Ideen entfalten sie aber erst durch unser Zutun.
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