kunst mit photographie
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Letzte Änderung:
14. Dezember 2006

Hansgeorg Jeggle,
Landschaftsbild: Baumstamm in der Nacht bei Scheinwerferlicht, 1993

Hansgeorg Jeggle, Tableau - Serie von Selbstportraits, 1997

»Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen.«   Friedrich Nietzsche

Aus Anlass des einjährigen Todestages von Hansgeorg Jeggle und begleitend zur »Gedächtnisausstellung zum 60. Geburtstag« haben wir - Dorothea Jeggle, Sibylle Hoffmann und Winfried Mateyka - eine Auswahl seines photographischen Werks für dieses Buch zusammengetragen.
Die Photographie war für Hansgeorg Jeggle neben seiner Professur für Mathematik ein wichtiger Teil seines Lebens. Seit 1982 war er Schüler an der »Werkstatt für Photographie« in Berlin - Kreuzberg. Dort war der künstlerische Aspekt der Photographie Schwerpunkt des Unterrichts, das Erarbeiten und Bearbeiten selbstgewählter Themen mit photographischen Mitteln.
In seinen frühen Arbeiten sind es überwiegend Landschaften, die er abbildet. Aufgrund längerer Aufenthalte in den USA hauptsächlich amerikanische Landschaften, die geprägt vom Zeitgeist der 80iger Jahre und vom Geist der Werkstatt, dokumentarisch, scharf, möglichst objektiv scheinen. Doch der Betrachter spürt, dass eigenes Erleben in diese Bilder mit eingeflossen ist. Die Melancholie weiter, leerer Landschaften, Straßen, die ins Nirgendwo führen, Sehnsucht nach Unendlichkeit; und gleichzeitig - Nahsichten auf Gestrüpp und Dickicht, Bilder, die als Metapher gesehen werden können für eigene Verstrickungen - das Dickicht der eigenen Seele. In Zeiten des Zweifelns, des Suchens, des Fragens wird er sie immer wieder machen.
Nach Schließung der Werkstatt und in der Auseinandersetzung mit Winfried Mateyka als Lehrer und Freund, werden die Bilder, die das eigene, subjektive Leben erkennen lassen, immer wichtiger für seine Arbeit. Mit der Kamera sucht Hansgeorg Jeggle die Annäherung an sich - wie eine Suche nach der eigenen Identität. Während seines ersten Besuchs einer Sommerakademie in Salzburg bei Michael Schmidt 1988 findet er dafür sein großes Thema: »Selbstportraits und Körperbilder«, das bis zu seinem Lebensende bedeutend bleibt. Es entstehen Bilder von radikaler Offenheit', die ihm verbal so viel schwerer fiel, manchmal schonungslos gegen sich selbst. Gleichzeitig sind sie Aussöhnung mit sich, mit dem eigenen Körper, mit dem Prozess des Alterns. Zu Beginn, beeinflusst von der Arbeit John Coplans', sind es relativ konkrete Bilder des eigenen Körpers, die im Laufe der Zeit immer mehr ins Detail gehen, immer weniger scharf, immer abstrakter, immer mehr zum Monolog werden, den er stellvertretend für den Betrachter führt. Ein Buch mit diesem Titel ist 1992 entstanden.
Neben der intensiven Auseinandersetzung mit sich selbst, gibt es auch die Verbindung des Ichs mit der Welt, Bilder aus seinem persönlichen Umfeld, flüchtige Beweise des eigenen Seins, Bilder als Symbol für Gedanken, Gefühle, Erinnerungen, Hoffnungen - ein photographisches Tagebuch. »Bilder machen, um die Existenz aushalten zu können.«
In dieser Zeit entstehen die großen Tableaus, »Ikarus,«, bei Verena von Gagern und das Tableau für die Ausstellung »Photographie hat Sonntag«. In diesen Arbeiten berühren sich Außenwelt und Innenwelt von Hansgeorg Jeggle. Dann plötzlich, eine Zeit der Orientierungslosigkeit:

» dasitzen und -
keine Ideen
keine neuen Werke
keine alten Sachen
essen schlafen«'

Sind die Erinnerungen, die Hoffnungen verschwunden? Die Antwort: ein Tableau minimalistischer Bilder von leeren Bilderrahmen, weißen Wänden, Spuren des einmal sichtbar gewesenen. Diese Bilder stehen im Gegensatz zu den vorher oft sehr dunklen Bildern. Sie scheinen das Thema Lichtaus der Arbeit »Ikarus« wieder aufzugreifen. Verschwinden in der Dunkelheit oder Auslöschung im Licht ?
Diese Frage stellt sich auch bei der Betrachtung des Tableaus von 1997, entstanden während der Arbeit mit Katharina Sieverding. Zwei Reihen Selbstportraits, die teilweise im Dunkel verschwinden, Gesichter, die Sprachlosigkeit verbindet, getrennt von einer Reihe von Lichtern in der Nacht, die Kulisse einer antiken Tragödie. Oder sind es Aufzeichnungen von Elektrokardiogrammen, die uns zum Lesen auffordern?
Seine Arbeitsweise verändert sich, sie wird konzeptioneller, serieller. Reihen lösen die Tableaus ab, Reihen, in denen sich die Bilder nur wenig voneinander unterscheiden. Bilder werden mehrmals bearbeitet. immer häufiger verwendet er Fremdbilder, um seine Bilder zu finden.
Trotz der veränderten Arbeitsweise ist das, was ihn bewegt, sind seine großen Themen, gleich geblieben. Die Suche nach der eigenen Identität, die Suche nach der Vergangenheit. Der eigenen, in seinem Fragment gebliebenen »Vaterprojekt«; der Versuch einer Annäherung an den Vater über die Photographie. Aber auch die Vergangenheit anderer Menschen, meist Menschen, die irgendwie »aus der Welt gefallen sind«. Menschen im Exil, gleich ob im inneren oder äußeren, Menschen, die auf der Suche an ihren Utopien gescheitert sind, deren radi­kale Konsequenz er insgeheim bewunderte. Wollte er dies in seinem letzten Werk zeigen ?

Hansgeorg Jeggle

Hansgeorg Jeggle, Körperbilder: Kopf, Hand, Füße, Kopf, 1992

1939

geboren in Stuttgart

1958- 1964

Studium der Mathematik in Tübingen und Darmstadt

ab 1972

Professor für Mathematik an der Technischen Universität Berlin

1975- 1990

acht USA-Aufenthalte mit insgesamt mehr als 2 1/2 Jahren Dauer

1982 - 1986

Werkstatt für Photographie der VHS Kreuzberg
bei Görlich, Koenig, Leuner und Haug

1983/1986-87

Photographie am Department of Fine Arts, University of Utah, Salt Lake City

1985- 1986

Privatunterricht bei Thomas Leuner

1987- 1991

VHS Neukölln bei Winfried Mateyka

1988

»Spiegelwerk«, Volkshochschule Neukölln, Berlin »Vier Berliner Fotografen«, Fotogalerie im Wedding, Berlin Klasse für Photographie an der Sommerakademie für Bildende Kunst in Salzburg bei Michael Schmidt
Abschlußausstellung an der Sommerakademie, Salzburg

1989

Workshop für Photographie am Salzburg , College bei Arnaud Claass
Klasse für Photographie an der Sommerakademie für Bildende Kunst in Salzburg bei Verena von Gagern Abschlußausstellung an der Sommerakademie, Salzburg

1990

 

Photographien von E.-M. Wittmann, H. Jeggle, M. Jochum, W. Mateyka, M. Marzik,
Fotogalerie im Wedding, Berlin »Photographie hat Sonntag«,
Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin

1992

»Konzeptfotografie« Volkshochschule Kreuzberg

1992

»Licht«, Bernhard-Kellermann-Kulturhaus, Potsdam Klasse für Freie Fotografie an der Sommerakademie für Bildende Kunst in Salzburg bei Michael Schmidt Abschlußausstellung an der Sommerakademie, Salzburg

1993

Workshop für Photographie am Salzburg College bei Gerald Minkoff

1994

»Das persönliche Dokument«, Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin

1995

Workshop für Photographie am Salzburg College bei Verena von Gagern

1996

Sommerakademie der Hochschule der Künste Berlin, Klasse Jutta Geier

1997

Klasse für Fotografie an der Sommerakademie für Bildende Kunst in Salzburg bei Katharina Sieverding Abschlußausstellung an der Sommerakademie, Salzburg

1998

»7 auf einem Ort«, Galerie im Körnerpark, Berlin Klasse für Fotografie an der Sommerakademie für Bildende Kunst in Salzburg bei Katharina Sieverding »Inmate's Brandenburg Driving Fantasy«, Sonderausstellung im Rahmen der Sommerakademie Abschlußausstellung an der Sommerakademie, Salzburg
auf der Heimreise von der Sommerakademie tödlich verunglückt

 

1999

 

Ikarus«, Gedenkausstellung zum 60. Geburtstag, Galere in der Mathematischen Fachbibliothek der TU Berlin