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»Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen.« Friedrich Nietzsche
Aus Anlass des einjährigen Todestages von Hansgeorg Jeggle und begleitend zur »Gedächtnisausstellung zum 60. Geburtstag« haben wir - Dorothea Jeggle, Sibylle Hoffmann und Winfried Mateyka - eine Auswahl seines photographischen Werks für dieses Buch zusammengetragen. Die Photographie war für Hansgeorg Jeggle neben seiner Professur für Mathematik ein wichtiger Teil seines Lebens. Seit 1982 war er Schüler an der »Werkstatt für Photographie« in Berlin - Kreuzberg. Dort war der künstlerische Aspekt der Photographie Schwerpunkt des Unterrichts, das Erarbeiten und Bearbeiten selbstgewählter Themen mit photographischen Mitteln. In seinen frühen Arbeiten sind es überwiegend Landschaften, die er abbildet. Aufgrund längerer Aufenthalte in den USA hauptsächlich amerikanische Landschaften, die geprägt vom Zeitgeist der 80iger Jahre und vom Geist der Werkstatt, dokumentarisch, scharf, möglichst objektiv scheinen. Doch der Betrachter spürt, dass eigenes Erleben in diese Bilder mit eingeflossen ist. Die Melancholie weiter, leerer Landschaften, Straßen, die ins Nirgendwo führen, Sehnsucht nach Unendlichkeit; und gleichzeitig - Nahsichten auf Gestrüpp und Dickicht, Bilder, die als Metapher gesehen werden können für eigene Verstrickungen - das Dickicht der eigenen Seele. In Zeiten des Zweifelns, des Suchens, des Fragens wird er sie immer wieder machen. Nach Schließung der Werkstatt und in der Auseinandersetzung mit Winfried Mateyka als Lehrer und Freund, werden die Bilder, die das eigene, subjektive Leben erkennen lassen, immer wichtiger für seine Arbeit. Mit der Kamera sucht Hansgeorg Jeggle die Annäherung an sich - wie eine Suche nach der eigenen Identität. Während seines ersten Besuchs einer Sommerakademie in Salzburg bei Michael Schmidt 1988 findet er dafür sein großes Thema: »Selbstportraits und Körperbilder«, das bis zu seinem Lebensende bedeutend bleibt. Es entstehen Bilder von radikaler Offenheit', die ihm verbal so viel schwerer fiel, manchmal schonungslos gegen sich selbst. Gleichzeitig sind sie Aussöhnung mit sich, mit dem eigenen Körper, mit dem Prozess des Alterns. Zu Beginn, beeinflusst von der Arbeit John Coplans', sind es relativ konkrete Bilder des eigenen Körpers, die im Laufe der Zeit immer mehr ins Detail gehen, immer weniger scharf, immer abstrakter, immer mehr zum Monolog werden, den er stellvertretend für den Betrachter führt. Ein Buch mit diesem Titel ist 1992 entstanden. Neben der intensiven Auseinandersetzung mit sich selbst, gibt es auch die Verbindung des Ichs mit der Welt, Bilder aus seinem persönlichen Umfeld, flüchtige Beweise des eigenen Seins, Bilder als Symbol für Gedanken, Gefühle, Erinnerungen, Hoffnungen - ein photographisches Tagebuch. »Bilder machen, um die Existenz aushalten zu können.« In dieser Zeit entstehen die großen Tableaus, »Ikarus,«, bei Verena von Gagern und das Tableau für die Ausstellung »Photographie hat Sonntag«. In diesen Arbeiten berühren sich Außenwelt und Innenwelt von Hansgeorg Jeggle. Dann plötzlich, eine Zeit der Orientierungslosigkeit:
» dasitzen und - keine Ideen keine neuen Werke keine alten Sachen essen schlafen«'
Sind die Erinnerungen, die Hoffnungen verschwunden? Die Antwort: ein Tableau minimalistischer Bilder von leeren Bilderrahmen, weißen Wänden, Spuren des einmal sichtbar gewesenen. Diese Bilder stehen im Gegensatz zu den vorher oft sehr dunklen Bildern. Sie scheinen das Thema Lichtaus der Arbeit »Ikarus« wieder aufzugreifen. Verschwinden in der Dunkelheit oder Auslöschung im Licht ? Diese Frage stellt sich auch bei der Betrachtung des Tableaus von 1997, entstanden während der Arbeit mit Katharina Sieverding. Zwei Reihen Selbstportraits, die teilweise im Dunkel verschwinden, Gesichter, die Sprachlosigkeit verbindet, getrennt von einer Reihe von Lichtern in der Nacht, die Kulisse einer antiken Tragödie. Oder sind es Aufzeichnungen von Elektrokardiogrammen, die uns zum Lesen auffordern? Seine Arbeitsweise verändert sich, sie wird konzeptioneller, serieller. Reihen lösen die Tableaus ab, Reihen, in denen sich die Bilder nur wenig voneinander unterscheiden. Bilder werden mehrmals bearbeitet. immer häufiger verwendet er Fremdbilder, um seine Bilder zu finden. Trotz der veränderten Arbeitsweise ist das, was ihn bewegt, sind seine großen Themen, gleich geblieben. Die Suche nach der eigenen Identität, die Suche nach der Vergangenheit. Der eigenen, in seinem Fragment gebliebenen »Vaterprojekt«; der Versuch einer Annäherung an den Vater über die Photographie. Aber auch die Vergangenheit anderer Menschen, meist Menschen, die irgendwie »aus der Welt gefallen sind«. Menschen im Exil, gleich ob im inneren oder äußeren, Menschen, die auf der Suche an ihren Utopien gescheitert sind, deren radiÂkale Konsequenz er insgeheim bewunderte. Wollte er dies in seinem letzten Werk zeigen ?
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